Zusammenfassung
- Moritz Augenstein startet beim Berliner Six-Days-Weekend mit Roger Kluge im Zweier-Mannschaftsfahren.
- Durch das WM-Gold im Scratch gelang ihm sein internationaler Durchbruch.
- Mehrere Rückschläge durch Unfälle konnten seinen sportlichen Aufstieg nicht dauerhaft bremsen.
- Dank Bundeswehrförderung kann er sich inzwischen voll auf seine Radsportkarriere konzentrieren.
Moritz Augenstein ist in diesen Tagen viel unterwegs. Zu Beginn des Jahres weilte er mit der Bahnrad-Nationalmannschaft auf Mallorca. Mit dem Flugzeug ging es danach zu den Sixdays nach Bremen. Anschließend war er kurz in seiner Heimat im Kelterner Ortsteil Dietlingen, ehe es weiter nach Frankfurt an der Oder zu einem Lehrgang der Nationalmannschaft ging.
Dort verbrachte der 28-Jährige die vergangenen Tage. Nun steht er beim Six-Days-Weekend in Berlin an der Seite des mehrfachen Tour-de-France-Fahrers Roger Kluge am Start. Nach dem letzten Rennen in der Hauptstadt gilt es erneut, schnell die Koffer zu packen und in die Türkei zu fliegen. In Konya wird der Dietlinger bei der Bahnrad-Europameisterschaft vom 1. bis 5. Februar die deutschen Farben vertreten.
Moritz Augenstein landet Coup in Chile
Für Augenstein ist das Leben eines Profiradsportlers längst zur Realität geworden. Spätestens nach seinem Coup bei der Bahnrad-Weltmeisterschaft im Velódromo Peñalolén in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile ist sein Name auch in der internationalen Radsportszene bekannt. Bei seinem WM-Debüt schnappte er sich die Goldmedaille im Scratch. Im Omnium und Madison verpasste er denkbar knapp weitere Medaillen.
Am Tag seiner Ankunft in Deutschland wurde ihm im Ellmendinger Rathaussaal ein Empfang bereitet. Beim RSV Ellmendingen wurde er ausgebildet. Wolfgang Schendzielorz war maßgeblich für seine Entwicklung zuständig. Noch heute sucht Moritz Augenstein ab und an Rat bei Schendzielorz. „Der Rückhalt bedeutet mir unheimlich viel“, sagte der Radsportler beim Empfang.
Eigens für seine Rückkehr aus Chile hatte die Gemeinde Keltern an den Ortseingängen von Ellmendingen große Plakate von Augenstein anfertigen lassen. „Das ist einer von meinen Kelterner Bürgern“, sagte Bürgermeister Steffen Bochinger.
In Bremen im Duell mit Pogacar-Helfer Nils Politt
Mittlerweile hat sich der Radsportler, der für die Maloja Pushbikers fährt, daran gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen. Dort, wo er startet, zählt er zu den Favoriten. In Bremen wurde er kürzlich in einem Atemzug mit Nils Politt genannt.
Der Kölner vom UAE Team Emirates-XRG gilt als einer der Edelhelfer des vierfachen Tour-de-France-Siegers Tadej Pogacar. Tatsächlich blieben Augenstein und Kluge in Bremen vor Politt und Matias Malmberg.
Trotz allem fühlt sich Moritz Augenstein in Dietlingen am wohlsten. „Es ist immer wieder schön, im eigenen Bett zu schlafen“, sagt er. Noch wohler fühlt er sich aber auf dem Rad. Dort wirkt er wie ein anderer Mensch. Und das, obwohl die Karriere des Radsportlers auch schon mehrfach am seidenen Faden hing.
Augenstein düpiert nationale Konkurrenz trotz Vollzeitarbeit
Noch vor drei Jahren war er in der Szene weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Bei den deutschen Bahnradmeisterschaften in Cottbus wollte Augenstein nicht an den Start gehen. Schließlich wurde er von Moritz Malcharek überredet. Malcharek selbst war noch auf der Suche nach einem Partner für das Madison. Am Ende fuhr der Dietlinger mit drei Titeln im Gepäck zurück. Im Gegensatz zu seinen meisten Konkurrenten ging Moritz Augenstein damals noch einer Vollzeitarbeit nach.
Innerhalb der Radsportszene gab es damals vermehrt Kritik darüber, dass der Verband German Cycling keine Berücksichtigung im Kader für Augenstein fand. Schließlich reagierte der Verband und der Dietlinger überzeugte bei seinen ersten Einsätzen auch im Nationaldress.
Die größeren Einsätze blieben aber trotz Erfolgen aus. 2024 wurde er erneut dreifacher deutscher Meister. Schließlich bekam er die Chance und wurde für die WM im dänischen Ballerup nominiert.
Schwere Stürze verhinderten Teilnahmen an WM und EM
Doch es kam anders. Bei den deutschen Kriteriumsmeisterschaften in Kempten im September stürzte Moritz Augenstein schwer. In der 33. Runde lief eine Zuschauerin auf die Strecke. Er konnte nicht ausweichen und bei rund 60 Stundenkilometern kam es zum Zusammenprall. Er zog sich am Schlüsselbein und der Schulter mehrere Brüche zu.
Der Dietlinger kämpfte sich zurück und wurde für die EM in Belgien nominiert. Doch wieder kam es anders. Im Trainingslager mit der Bahnrad-Nationalmannschaft auf Mallorca Ende Januar 2025 fuhr ein 89-jähriger Autofahrer in die Gruppe. Zwar kam Moritz Augenstein glimpflich davon, musste aber erneut an der Schulter operiert werden.
Ich denke schon, dass die Konkurrenz deutlich mehr auf mich achten wird.Moritz Augenstein
über seinen Start bei der EM
Die EM fand ohne ihn statt. „Es war schon hart, wieder zu stürzen“, sagte Augenstein. Auch psychisch und mental sei die Zeit nicht einfach gewesen. Fünfmal pro Woche fuhr er zur Physiotherapie nach Landau. Bereits zum damaligen Zeitpunkt untermauerte er trotz der Umstände, den Fokus auf die WM legen zu wollen.
Er bewies abermals Kämpfermentalität und überzeugte mit Ergebnissen. An der Seite des Ettlingers Christian Ertel setzte er sich im September bei der Derny-EM durch. Zudem erhielt er einen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Seither kann sich Moritz Augenstein ganz auf den Sport konzentrieren. Seine Standhaftigkeit hatte sich spätestens mit dem Coup in Chile ausgezahlt.
Olympische Spiele 2028 fest im Blick von Augenstein
Bei der EM in der Türkei könnte nun ein weiterer Titel in seine Sammlung kommen. Augenstein rechnet mit Einsätzen im Scratch und Madison. „Ich denke schon, dass die Konkurrenz deutlich mehr auf mich achten wird“, sagt er. Deshalb stufe er seine Chancen im Madison auf eine Medaille höher ein. Dort wird er voraussichtlich an der Seite von Tim Torn Teutenberg fahren.
Obwohl er der EM eine große Bedeutung zumisst, hat der 28-Jährige aber längst auch etwas anderes im Visier. In zwei Jahren möchte er die deutschen Farben bei den Olympischen Spielen in Los Angeles vertreten. In der Karriereleiter von ihm wäre es der nächste logische Schritt. Allerdings weiß vermutlich niemand besser als Augenstein, dass in dieser Zeit auch unvorhersehbare Dinge geschehen können.